Zwischen den Welten

Eine Wanderung zu den Höhlenbären in der Grotte von San Giovanni d’Antro im friulanischen Natisone-Tal.

Von Gerhard Leeb 13:06 Uhr, 15. January 2017

Die ersten Menschen, die den Mut fanden, die Felswand hochzuklettern, waren von den herumliegenden Knochen und gewaltigen Schädeln der Höhlenbären sicher ähnlich beeindruckt wie die heutigen Besucher der Grotte. Sie war ein idealer Ort für jungsteinzeitliche Jäger: eine - zumindest im vorderen Bereich - trockene Portalhöhle mit Trinkwasser und einem Ausblick über das Tal, der seinesgleichen sucht. Feinde und Tierherden waren von hier oben früh zu entdecken. Nicht zu vergleichen mit der am Ufer der Natisone gefundenen und heute ebenfalls besuchbaren steinzeitlichen Jagdstation. 

Die für die Höhle zuständige Kustodin ist im Ort nicht zu finden. Wir -der Autor, der Alpenforscher Hans Haid und Janez Bizjak, der langjährige Direktor des Triglav-Nationalparks - riskieren es, vor verschlossenen Türen zu stehen, und machen uns auf den Weg zur sagenumwobenen Grotte von Antro. Nach einem kurzen Spaziergang auf dem schattigen Waldweg folgt eine steil durch die Felswand nach oben führende Treppe. 130 Stufen, die es in sich haben. Man kann sich gut vorstellen, wie früher Besucher und "Bewohner" den Höhleneingang über schwindelerregende Leitern erreichen mussten. 

Dafür war es aber ein sicherer Ort, der zur Verteidigung des Tales ebenso aufgesucht wurde wie also Schutzort für die Bevölkerung. Bereits im 2. Jahrhundert vor Christus galt die Grotte als uneinnehmbar und war Teil einer Reihe von Festungen an den Grenzen der römischen "Decima Regio, Venetia et Histria", der 10. Region, Venetien und Istrien. 

"Mit wenig jahreszeitlich bedingten Ausnahmen - etwa großen Regenfällen - wurde die Höhle sicher bewohnt, seit die ersten Menschen an der Natisone auftauchten. Es gibt im ganzen Tal keinen besseren Platz zum Leben und Überleben", sagt Janez Bizjak. Wir haben Glück. Das schwere Eisentor, das das Höhlen- und Kapellenensemble schützt, ist nur angelehnt, aus dem Inneren der Grotte sind Stimmen zu hören. Nach wenigen letzten Stufen: die große, zum Teil natürliche und zum Teil in den Fels gehauene Halle mit einem Barockaltar des slowenischen Baumeisters Bartolomeo Ortari aus Kobarid. Und genau gegenüber, in Richtung Höhlenportal, zwei atemberaubende Kapellen. 

Die kleinere der beiden stammt noch aus der Zeit der Langobarden. Die größere, mit ihrem gotischen Bogengewölbe, ist auch wegen der direkt auf die Wand oder den Felsuntergrund gemalten Bilder interessant, Ein Rundgang verschmilzt die Jahrhunderte und Jahrtausende miteinander. Vom Schädel des Höhlenbären und dem keltisch-heidnischen Sonnenrad über den Grabstein des hier als Einsiedler lebenden Diakons Felix aus dem 8. oder 9. Jahrhundert bis hin zu den Barockengeln aus dem 17. Jahrhundert. Und aus einem der Fenster geht der Blick hinaus auf die andere Talseite und hinüber nach Castelmonte, das älteste Heiligtum Friauls und möglicherweise ganz Italiens.

Unbemerkt wegen des Dauerrauschens des Baches hat sich Maria, die Führerin aus San Giovanni d'Antro, zu uns gesellt. Sie erzählt uns die Geschichte der Grotte, die vor Millionen Jahren mit der Arbeit des Wassers begann. Das Wasser hat nicht nur zur Entstehung der Höhle, sondern auch zu ihrer möglichen späteren Nutzung als Quellheiligtum geführt. Eine der Kapellen ist Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten gewidmet. Über das Tal hinaus bekannt ist die Geschichte von der Krivapete, einer Frau, die in wasserführenden Grotten und an Flüssen lebt. Am Hauptaltar vorbei, immer entlang des Baches, gehen wir noch rund dreihundert Meter in die Höhle hinein. Die restlichen vier Kilometer, die bisher erforscht wurden, sind für Besucher gesperrt. 

Zurück an den Altären, an Höhlenmalereien, an archaischen Taufbecken und Bildern vorbei geht es hinaus ans Tageslicht. Nicht ohne das Gefühl zu haben, auf einer Zeitreise gewesen zu sein.


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