Slowenien

Wilde Kerle, feurige Spektakel

Mit dem „Kurentsprung“ zu Lichtmess wurde in Ptuj in der slowenischen Stajerska das volkstümliche Festival „Kurentovanje“ eröffnet. Archaische Masken treten auf.

Von Elke Fertschey 11:39 Uhr, 12. February 2017

Ein Donnergrollen aus stampfenden Füßen und dem tiefen, geheimnisvollen Klang schwerer Glocken kündigt von Ferne die Ankunft der wilden Kerle an. Erwartung liegt in der funkenflirrenden, feuergeschwängerten Luft. Das Publikum harrt der „Kurenti“, auch „Korants“ genannt, Gestalten mit archaischer Tradition, die mythische Begleiter der keltischen Göttin Kybele oder Winter vertreibende Dämonen gewesen sein sollen. Noch haben sie in dieser Maria- Lichtmess-Nacht ihr majestätisches Fellkleid nicht an, sehen im Schein des flackernden Feuers trotzdem mystisch aus. Wenn sie um Mitternacht zu Hunderten im gleichen Takt in die Luft springen und dann mit rhythmisch kreisenden Hüftbewegungen den Klang der am Gürtel hängenden Kuhglocken zum ohrenbetäubenden Geläute anschwellen lassen, während der Stab mit der Igelhaut über die Schulter gewetzt wird, mutet der Kurentsprung wie ein orgiastisches Schauspiel an. War doch der Brauch aus Ptuj, an dem früher nur junge, unverheiratete Männer teilnahmen, einst ein Fruchtbarkeitsritual.

Ein Revival habe der Kurent, der dem volkskundlich interessanten Festival „Kurentovanje“ seinen Namen gab, in den letzten 20 Jahren erlebt, erzählt Marko Klinc, der in seiner Tapezierwerkstatt in Spuhlja bei Ptuj Kurentmasken repariert und neu fertigt. In diesen Wochen hat er bis 23 Uhr geöffnet, Gattin, Sohn, Bruder und zwei Schneiderinnen arbeiten mit, um die vielen Aufträge zu bewältigen.

Auch Kinder wollen schon Kurenti werden, 32 Vereine gibt es. 1500 der zotteligen Gesellen, die bis 1939 nur in den Dörfern auftraten und den Bauern Fruchtbarkeit bringen sollten, machen bei den Umzügen mit, manchmal in Begleitung des Teufels oder der Faschingspflüger, die früher einen magischen Verteidigungskreis um die Dörfer und die ersten Furchen auf dem Feld zogen.

In alten Zeiten machten die Bauersleute ihre Kostüme aus eigenen Materialien selbst, der Vater von Marko Klinc war der Erste, der die „Kurentija“ professionell für andere herstellte. Er brachte besonders kuschelige Felle von Schafen aus dem Südbalkan mit. Unter dem Fell, dessen Farbe sich der Kurent aussuchen kann, trägt er im Gesicht eine Rindsledermaske mit lederner Zunge. Geschmückt ist die Maske mit Gänsefedern oder Hörnern. Ein Kostüm mit Kuhglocken wiegt 30 Kilogramm. „Jede Maske ist ein Unikat“, schwärmt Klinc, der selbst Kurent und Faschingsprinz war. Prinz und mittelalterlicher Hofstaat sind Teil der Karnevalsumzüge, an denen auch viele andere mythische Figuren wie die Kopjasˇi, die Lanzenträger, die Oracˇi, die Ackermänner, die Ploharji, die Bohlenträger und Figuren wie der Bär oder der Pferdehirsch „Rusa“ teilnehmen. Die Bedeutung erklärt eine Broschüre, die in der Tourismusinfo Ptuj aufliegt, mitten in der romantischen Altstadt, die durch außergewöhnlichen Retrocharme und gemütliche Kaffeehäuser besticht. Das „Muzikafé“ mit Konzertkeller und exzentrischem Mobiliar ist eine Welt für sich.

Das erste Kaffeehaus befand sich in der Thermen- und Festivalstadt Ptuj dort, wo heute das historische, liebevoll restaurierte Story Hotel Mitra mit eigenem Kaffeehaus und Weinkeller zum Verweilen einlädt. Es befindet sich in der Presˇernova Ulica, der ältesten Straße der ältesten Stadtgemeinde Sloweniens, die einst unter dem Namen Pettau zum Herzogtum Steiermark gehörte. Das  Schloss mit wertvollen Museen und einer informativen Maskenausstellung thront über der malerischen, von Weinbergen geprägten Umgebung, durch die sich die Drau schlängelt. Einen herrlichen Blick auf den Fluss bietet die Terrasse des Gasthauses Ribicˇ in einem 550 Jahre alten Gebäude mit historischem Gewölbe. Dort kredenzt Vlado Pignar heuer erstmals die „Kurentsuppe“ nach Rezept seiner Uroma. Mageres Gänsefleisch gewürfelt, geriebene Nudeln und Gemüse-Julienne sind die ideale Stärkung vor oder nach einem Karnevalsumzug, der uraltes Volkserbe in Ptuj lebendig werden lässt.


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