Venetien

Verliebt in Venedig

Wegen des Karnevals kam Flavia einst aus der Schweiz nach Venedig. Der Liebe wegen blieb sie. Sie heiratete – und renovierte einen Palazzo.

Von Elisabeth Peutz 09:32 Uhr, 19. February 2017

Vanity Af-fair“ lautet heuer das Motto, unter das Marco Maccapani, der künstlerische Leiter des Carnevale di Venezia, eines der farbenprächtigsten Feste der Welt stellt.Um Eitelkeit geht es jetzt also in der Lagunenstadt der Liebe. Um Schönheit und Affären, wie im 18. Jahrhundert, zu Zeiten Giacomo Casanovas, da der Karneval eine Hochblüte erlebte. Ausgehend von den Festen der italienischen Fürstenhöfe hatte man den Carnevale bereits ab dem Spätmittelalter immer prunkvoller und aufwendiger gefeiert. In einen der Palazzi eingeladen zu werden, galt für alle, die dazugehören wollten, stets als höchst erstrebenswert.

Doch der Karneval von Venedig zieht alljährlich auch bis zu eine Million Menschen an, die den Rausch der Farben und die faszinierenden Kostüme und Masken in den Gassen und auf den Kanälen rund um den Markusplatz auf sich wirken lassen.mFlavia Cordioli Mognetti ist einst auch als Touristin in die Lagune gekommen. „2001 war das“, erinnert sich die Bauingenieurin aus der Schweiz, die dann in Venedig ihre große Liebe traf.„Wie ein Blitzschlag“ sei es gewesen, als sie ihrem Luca zum ersten Mal in die Augen sah. „Bei einem Fest habe ich ihn kennengelernt“, erzählt sie, „nach drei Tagen hat er mir einen Heiratsantrag gemacht“. Flavia war damals als Kaiserin Sisi verkleidet, ihr Kavalier als Offizier. „Zufällig passten auch die Kostüme zusammen“, sagt die 51-Jährige. Dass der Antrag des Venezianers, eines Architekten, ernst gemeint war, sei ihr von Anfang an klar gewesen.

Das Eheversprechen gaben die beiden einander bald darauf. Wenig später sagten sie Ja zu einem weiteren großen Vorhaben. „Die Familie meines Mannes hatte einen Palazzo, der immer mehr verfiel“, erzählt Signora Cordioli Mognetti. Die Bauingenieurin und der Architekt nahmen sich des Palazzo Gradenigo an und verwandelten ihn mit viel Sorgfalt und Liebe zum Detail wieder in das Schmuckstück, das er einst gewesen war. Viel von dem Hand werkszeug, das sie dabei brauchte, hatte Flavia von ihren Eltern mitbekommen. „Auch mein Vater war Bauingenieur“, erzählt sie, „er war aber auch Bildhauer. Und meine Mutter – eine Italienerin – war Malerin.“

Kunst war daher immer großgeschrieben worden im Elternhaus der Schweizerin. Auch die Gastfreundlichkeit wurde ihr in die Wiege gelegt. „Meine Eltern haben in Lausanne einHotel betrieben“, erzählt sie, „es lag am Pilgerpfad nach Santiago de Compostela. Es war immer offen für alle.“ Für arme Leute habe ihr Vater „immer spezielle Preise gemacht“, sagt sie, „reiche Leute müssen teilen.“ Das ist auch Flavias Motto im Palazzo Gradenigo, der ebenso berühmt ist für seinen Garten, den sie immer wieder für Menschen öffnet, die das zu schätzen wissen. „Wir müssen uns aber respektiert fühlen“, betont Flavia. Für überschaubare Gruppen gibt sie private Essen, denn sie ist auch eine begeisterte Köchin. Viel von dem Gemüse, das sie kredenzt, erntet sie auf ihrem Anwesen in Sardinien und legt dann ein. Auch das Obst für die Marmeladen kommt von dort. „Im Karneval organisieren wir ein großes Bankett“, erzählt die Herrin des Palazzo, der im Sestiere Santa Croce liegt, nur wenige Gehminuten vom Bahnhof Santa Lucia entfernt. Bei dem großen Fest werden Schätze aus der „historischen Küche“ serviert, erzählt sie, „es gibt Konzerte. Und jeder der Gäste kann jemanden mitbringen.

Die Gesellschaft sei daher in jedem Jahr eine andere. Auch die Kostüme, die Flavia selbst beisteuert, sind immer neu. Schon bevor sie sich in ihren Luca verliebte, hatte sie sich für das Schneidern historischer Roben begeistert. Reiseveranstalterin Regina Rauch-Krainer hat den Palazzo Gradenigo bei einem ihrer Streifzüge auf der Suche nach Preziosen für ihre Kulturreisen entdeckt. „Venezianer verstecken sich nicht“, sagt Donna Cordioli Mognetti, „aber die Leute müssen interessiert sein, um uns zu finden.“ Wer Flavias Website im Internet sucht, googelt vergebens.


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