Venetien

Symbole der Vergänglichkeit

„Terra incognita“ zwischen tiefen Schluchten und namenlosen Berggipfeln. Ein Besuch in den verlassenen Dörfern in Friaul.

Von Gerhard Leeb 10:00 Uhr, 23. April 2017

Es ist ein langer und alter Weg von Moggio Udinese im Val del Ferro hinauf nach Moggessa (das kleine Moggio) di Quà (hier) und weiter nach Moggessa di Là (dort). Gemacht für Menschen und Maultiere. Einmal mit Trittstufen im steilen Gelände und dann wieder, eine Felswand querend, ausgesetzt und nur für Schwindelfreie empfehlenswert. Der Weg beginnt in Moggio di Sopra und führt zuerst über steinerne Stufen steil bergan. Hat man den kleinen Sattel erreicht, werden die nachfolgenden Höhenunterschiede geringer. Es geht fast waagrecht den Berghang entlang, mit atemberaubenden Ausblicken auf das Fellatal mit seinen breiten Schotterbänken. Vorbei am menschenleeren Moggessa di Quà und der alten, vor sich hin dämmernden Wassermühle erreicht man nach knapp zwei Stunden Moggessa di Là. Im ersten Dorf wohnten 1900 noch 185 Menschen (heute null), im zweiten 142 (heute drei). Die Polenta, die Celestina gerade macht, ist die beste, die man sich vorstellen kann. Während sie ununterbrochen den Maisbrei rührt, erzählt sie von ihrer Jugend in Moggessa di Là. Von der schweren Arbeit auf den kleinen Feldern am Steilhang, von ihrer Hochzeit und den Festen, die hier gefeiert wurden. Sie zeigt stolz auf den marmornen Waschtisch. Er wiegt 200 Kilogramm und wurde vor 120 Jahren von den jungen Leuten aus dem Tal heraufgetragen.

„Die letzten sind nach dem großen Erdbeben von 1976 weggezogen“, sagt Celestina. Italo, ihr Lebensgefährte, der mit ihr die Sommermonate hier oben verbringt, erzählt, dass er nach seiner Hochzeit 1960 hinunter nach Moggio zog und danach in die Schweiz zum Arbeiten ging. Wie so viele aus der Carnia. Während im Sommer wieder eine Handvoll Menschen Moggessa di Quà und di Là bevölkern und die Häuser ihrer Vorfahren liebevoll restaurieren, sind die Dörfer im Winter verlassen. Wie viele ähnlich ausgesetzte in Karnien, in den Bergen rundumTramonti oder, zur slowenischen Grenze hin, im Val Natisone. In seinem Buch „Paesi Abbandonati“ listet Dario Zampa alle friulanischen Dörfer beispielhaft auf. Seine Zahlen über die Abnahme der Bevölkerung – im Verlauf der letzten fünfzig oder hundert Jahre – sind dramatische Geschichten über die Überlebenskämpfe und die Ab- und Auswanderungen. In den um die Jahrhundertwende noch blühenden Dörfern leben heute noch fünf oder zehn Menschen. Und die zumeist nur über die Sommermonate. In der Fraktion Chiusaforte sind es vier Dörfer im Val Raccolana. In Drenchia/Drenc bei Cividale sind es gleich sechs. Campone in der Fraktion Tramonti „schrumpfte“ von 258 auf fünf Einwohner und Pàlcoda von 172 auf null. Während es in Moggio Udinese und im Val Natisone bereits erschlossene und markierte Wanderwege zu und zwischen den Dörfern gibt – gute Beispiele dafür gibt es im Buch „Die letzten Täler“ (Universitätskulturzentrum Unikum) –, wartet in der Landschaft von Tramonti die absolute Wildnis.


Hier, in dieser „terra incognita“, zwischen tiefen Schluchten und namenlosen Berggipfeln, ist Orientierungssinn gefragt. Und die Lust auf Einsamkeit. Es sind nicht nur „weiße Flecken“ auf europäischen Landkarten, es ist der Mythos von versunkenen Zeiten. Aufgrund des Fehlens jeglicher Zivilisationsgeräusche glaubt man das Geklapper kleiner Eselshufe und die Schreie der Hirten, die mit ihren Schafen und Ziegen einst die Landschaft bevölkerten, zu hören. Und die nicht mehr vorhandenen Glocken im noch erhaltenen Turm der kleinen Kirche von Pàlcoda. Nur eine knappe Stunde von Tramonti di Sotto, aber hundert Jahre von hier und heute entfernt. Die Geschichten, die Celestina erzählt, gelten für all die verlassenen Dörfer zwischen Forni Avoltri und der Grenze zu Slowenien. Um die Jahrhundertwendewar es dieArmut, die vor allem junge Männer in die Kohlebergwerke Belgiens und Frankreichs trieb. Die meisten kehrten nicht zurück. Nachdem schweren Erdbeben 1976 kam der letzte große Einschnitt. Die Wiederaufbauhilfen kamen oft gar nicht mehr an. Die fertige Polenta steht dampfendamTisch. Dazu gibt’s Montasio-Käse und Wein und Grappa. Eine Ausnahme. Wer zu den verlassenen Dörfern unterwegs ist, sollte Verpflegung und Getränke mithaben. Denn die Chance, in der Macchia und zwischen den alten Gemäuern Menschen wie Celestina und Italo zu treffen, ist gering. Sie liegt eigentlich bei null.

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