Slowenien

Starke Frauen und viel Natur

Ein Geheimtipp für Genussmenschen und Wanderer. Im Bergdorf Cadrg ist der Käse außerordentlich und die Welt noch in Ordnung.

Von Gerhard Leeb 11:37 Uhr, 04. June 2017

Die Gründungsgeschichte des kleinen Bergdorfes Cadrg oberhalb von Tolmin beginnt auf der anderen Seite der Berge: Nach einem Überfall auf das alte Dorf am Wocheiner See (Bohinjsko Jezero) sollten die Männer getötet werden. Den Frauen und Kindern bot man an, das Dorf zu verlassen. Sie sollten mitnehmen dürfen, was immer sie auf ihren Schultern tragen können. Die Frauen nahmen ihre Kinder bei derm Hand, hoben sich die Männer auf ihre Rücken und machtensich auf den Weg in die Berge. Sicher auf der anderen Seite angekommen, gründeten sie den Ort Cadrg. 

Wer die Tolminka-Schlucht auf der „Teufelsbrücke“ überquert und die Grotte des italienischen Dichters Dante (er soll dort Teile seines „Inferno“ geschrieben haben) passiert hat, hat erst einen Teil des Weges nach Cadrg geschafft. Immerhin sind es knapp 900 Höhenmeter zwischen Tolmin und dem Bergdorf. Nach zahllosen Kurven und Spitzkehren weitet sich plötzlich die Landschaft zu einem gewaltigen Hochplateau. Bergbauernland pur. Und irgendwo zwischen Dantes „Inferno“ und der Idylle des Dorfes ist die Zeit stehen geblieben, zumindest scheint sie nicht mehr so schnell zu laufen wie im Tal.

In der alten Volksschule am Eingang des Dorfes werden heute von einer kirchlichen italienischen Organisation Drogenkranke betreut. Am anderen Ende der kleinen Häusergruppe – architektonisch typisch für die Landschaften am Übergang von der alpinen zur mediterranen Kultur – befindet sich die Käserei. Dazwischen kleine, sich aneinanderschmiegende Höfe wie „Pri Lovrcu“ von Marija  Boncina. Hier kann man nicht nur übernachten, sondern auch Urlaub am Bauernhof mitten im Nationalpark Triglav machen. Die Familie Boncina produziert den begehrten Tolmincer Käse. Die Spezialität wird hier seit 700 Jahren hergestellt und hat 2005 als erstes und einziges Lebensmittel den begehrten „Ford European Environment Award“ erhalten. Ausschlaggebend war nicht nur die besondere Qualität des Käses, sondern auch die natürliche Bewirtschaftung der Bergwiesen, die Kuhhaltung und der Umgang mit den Tieren. Auch dahinter stand eine Frau. Marija Markesˇ, damals stellvertretende Leiterin des Nationalparks.

Die Versuchung, am Ende des Weilers weiterzugehen, ist groß. Die Landschaft ist übersichtlich, es geht nirgends wirklich steil bergan, am Horizont stellt sich die rote Wand des knapp 2000 Meter hohen Rdeci rob quer. Auf der anderen Talseite, hoch über der Tolminka- Schlucht, die berühmte Heiligengeist-Kirche von Javorca. Der Jugendstilbau, errichtet von Soldaten der österreichisch ungarischen Armee, stammt aus dem Jahre 1916. Die Kirche – seit 1999 slowenisches Kulturerbe von nationaler Bedeutung – liegt am „Weg des Friedens“, der Relikte im Isonzo-Tal und Denkmäler aus dem Ersten Weltkrieg verbindet. Wenn die Legende der Männer tragenden Frauen wahr ist, könnte sie im Mesolithikum (Mittelsteinzeit, rund 10.000 Jahre v. Chr.) stattgefunden haben. Denn so alt sind die Funde am Dorfrand, mitten im Weidegebiet, die von Einheimischen und Janez Bizjak, dem pensionierten Direktor des Nationalparks, gemacht wurden. Die Artefakte sind im Museum von Tolmin zu sehen. Der damit auch nachgewiesene uralte Übergang in das Wocheiner Tal wird bis heute genutzt.

Genusswanderer kommen in und um Cadrg wirklich auf ihre Kosten. Von der Tolminka- Schlucht (der Zugang liegt auf der Anfahrt gleich neben der Straße) bis hinauf auf die Hochalmen oder am „Vogel“ (der Berg heißt wirklich so) vorbei hinüber ins Tal des Wocheiner Sees. Oder hoch über der Socˇa über die Berge nach Kobarid oder weiter nach Bovec. Zwischen einfachen Spaziergängen (wie zur Kirche von Javorca) und Mehrtagestouren ist da alles möglich.

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