Ein weißer Fleck auf der Landkarte

Gujarat, Indiens westlichster Bundesstaat, liegt abseits der üblichen Reiserouten und hat sich seine Ursprünglichkeit bewahrt. Touristen sind dort die eigentliche Attraktion.

Von Katharina Siuka 08:12 Uhr, 12. Oktober 2018

  • Bhuj Gujarat 5
  • The amazing mosque  of Bahar-ud-Din-Bhar was build in the 19th century in Junagadh, Gujarat, India.
  • Jama Mosque, the most splendid mosque of Ahmedabad - Gujarat State of India
  • Copy of Poshina 1
  • Asiatic Lion, Panthera leo persica, resting in the forest at Gir National Park Gujarat, India
  • Swami Narayan Temple Bhuj, Gujarat

Sachte zieht der Zeigefinger die sandfarbenen Figuren aus Stein nach. Es sind Liebespaare, die Tantra praktizieren. Klick! Die Wände des Sonnentempels sind voll solcher Figuren. Die meisten aber tanzen und tragen Schmuck. Klick! Dabei ist gar nicht der imposante Sonnentempel die Attraktion auf den Fotos, obwohl es nur zwei seiner Art in ganz Indien gibt: Einer thront im Osten, der andere im westlichen Modhera. Nein, es sind die Touristen, die die Einheimischen in Gujarat nur selten zu Gesicht bekommen.

Indiens westlichster Bundesstaat ist in unseren Breiten nahezu unbekannt. Reiseführer widmen diesem Fleck auf der Landkarte nur wenige Sätze, selbst Google spuckt nur spärlich Treffer aus. Gujarat funktioniert fernab von Indiens Massentourismus. Das wird spätestens bei einem Spaziergang durch die Banni-Dörfer nördlich von Bhuj, in denen verschiedene Stämme leben, klar. Mit Chai, der süß duftend aus Bechern dampft, sitzen die Einheimischen in Plastiksesseln am Straßenrand. Manche beobachten nur, andere bitten höflich um ein Selfie. Auf den staubigen Straßen spielen Kinder in ausgelatschten Schlapfen. Sie winken den Touristen zu.

Lediglich Handwerker, die in den einfachen Häusern arbeiten, bitten herein. Abdulgafur Khatri hockt im Schneidersitz am Boden. Flink zieht er mit einer Nadel Farbe über bunte Baumwolltücher und formt filigrane Blüten auf dem Stoff. „Rogan Art“ – so nennt er das – „hat meine Familie zur Kunst weiterentwickelt.“ Mit Stoffen arbeiten auch Stickerinnen in ihren winzigen Rundhütten, die wenige Kilometer entfernt in der Steppe stehen. Tischdecken, Röcke und Polsterbezüge, die das Farbspektrum voll ausschöpfen, stapeln sich unter den Strohdächern. Geschickt nähen die Frauen kleine Spiegelblättchen und Pailletten auf die Textilien.

Solch traditionelle Handwerkskunst beherrschen in Indien nur noch die armen Volksgruppen. Manche mischen scharfe Masala-Gewürze zusammen, bedrucken Stoffe mit Stempeln oder formen Glocken aus altem Autoblech.

Las VegasAndere hingegen töpfern. So wie Sarabene, die im nächsten Dorf lebt. Vor ihrem frisch gestrichenen Haus, das gerade erst fertig geworden ist, lagern Krüge, fragile Windlichter und Vasen. Kurz bringt sie den Touristen ihr Handwerk näher. Sie will aber lieber vom Erdbeben vor 17 Jahren erzählen. „Bei uns war das Epizentrum“, sagt sie und deutet zu der armseligen Baracke, die vorher ihr Zuhause war. Das Beben hat vor allem den wüstenähnlichen Norden von Gujarat getroffen. In Bhuj reihen sich noch heute zerklüftete Gebäude wie nach einem Krieg aneinander. Die Frauen in ihren farbenfrohen Saris, die vor den löchrigen Fassaden durch vermüllte Straßen gehen, bilden das Gegenbild zu diesem Motiv. Ihnen kommen zig Zebu-Rinder, an deren Hälse Perlenketten baumeln, entgegen. Es riecht nach Stall und Chai. Mittendrin hält eine junge Inderin ihr Moped an. Sie blickt über die Schulter und lächelt in die Kamera. Um sie herum tote Häuser und pulsierende Farben. Sie ist das pure Leben.

Der wuchtige Hindu-Tempel Shri Swaminarayan Mandir in Bhuj bildet einen krassen Kontrast zum Stadtbild. Er wurde nach dem Beben neu gebaut. Und dennoch passt der penible, marmorfarbene Bau mit den goldenen Turmspitzen perfekt ins Bild. Denn die Tempel sind den Hindus heilig. In den zerlumpten Dörfern stechen sie mit übertriebener Reinheit heraus: Sie sind bunt, gar vergoldet und immer frisch poliert. Vor den Stufen, die zu den Gottheiten ins Innere führen, stapeln sich Schuhe. Die Gebetsstätten sind voll. Monumente wie der Sonnentempel in Modhera sind im Vergleich zu ihnen rar gesät.

Las VegasIn der Stadt Junagadh, die am Weg von Bhuj in Richtung Süden liegt, steht so ein Monument. Wir lassen Steppen und Salzwüsten hinter uns. Fabriken, Städte und Autobahnen kreuzen immer öfter die Route, je näher der Süden rückt. In Junagadh thront schließlich das epochale Mausoleum Mohabbat Maqbara. Vier Minarette mit Wendeltreppen aus Stein flankieren das Grab eines Fürsten. „Das Mausoleum ist bekannt für seine indisch-muslimisch-gotische Bauart“, erklärt Fremdenführer Umakant Dubey. „Diese Region wollte im Freiheitskampf eigentlich zu Pakistan.“ Jedenfalls ist das Mausoleum die ideale Kulisse für ein Selfie. Das gilt auch für den gewaltigen Stufenbrunnen Rani Ki Vav in Patan, der zum Unesco-Weltkulturerbe zählt.

Die wahre Attraktion von Gujarat wartet aber im fruchtbaren Süden, wo Gemüse- und Baumwollfelder wogen. Im Sasan-Gir-Nationalpark leben die letzten Asiatischen Löwen Indiens. „523 Tiere bewegen sich auf rund 250 Quadratkilometern“, erklärt ein Ranger. In einem Jeep ohne Dach startet die Safari in der Morgendämmerung. Die aufgehende Sonne quält sich durch Nebelschwaden, das Auto über die mit Schlaglöchern übersäte Piste. Reifen- und Tierspuren zeichnen sich in dem schummrigen Licht am Boden ab. Doch bei den Spuren bleibt es nicht.

Vorsichtig hält der Jeep an. Ein satt gefressener Löwe schlabbert in wenigen Metern Entfernung aus einer Tränke. Der Jeep stört ihn ganz und gar nicht: Kaum ist der Durst gelöscht, wirft sich das Raubtier in Pose. Es gleitet zu Boden, schleckt sich zuerst das blutige, zerkratzte Maul, dann die riesigen Pranken. Scharf beäugt er die Touristen, die ihn aus nächster Nähe stumm beobachten. Die Kameras laufen heiß, das scheint ihm zu gefallen. Elegant wälzt sich der Löwe auf den Rücken, die Augen starr auf den Jeep gerichtet. Bereit für ein Nickerchen, um das in der Nacht gerissene Tier zu verdauen.

Ein wilder Esel war es jedenfalls nicht, denn die streifen friedlich nördlich bei Bajana durch die Steppe. Die dunklen Augen, die wie Mandeln im Gesicht sitzen, verraten sie hinter den Büschen. Aufmerksam beobachten die Esel die näher kommenden Jeeps. Und ergreifen die Flucht.

Bei den Stammesvölkern in Poshina spielen Pferde eine Rolle. Allerdings solche aus Ton. „Die Statuen sind ein Dank an den Hügelgott, wenn ein Wunsch in Erfüllung geht“, erklärt Dubey. Heute stehen Tausende wie eine Armee am Fuße des Hügels. Ein Baum wacht über sie. Ehrfürchtig lässt die stille Stätte staunen. Sie ist ein weiteres Foto für die Ewigkeit. Klick!

Über diesen Autor

Katharina Siuka

Diese Seite verwendet Cookies. Durch Nutzen dieser Seite sind Sie mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
Nähere Informationen zu Cookies finden Sie hier

Diese Information nicht mehr anzeigen