Italien

Das singende Dorf

Ein Dreikönigsfest mit ursprünglichen Gesängen oder warum Hubert von Goisern in Premana, oberhalb des Comer Sees, eine Gänsehaut bekam.

Von Gerhard Leeb 09:31 Uhr, 01. January 2017

Der Vorabend zu den Heiligen Drei Königen ist noch jung. Auf der Piazza del Consiglio und in dem Gewirr aus kleinen und kleinsten Gässchen und auf den Balkonen der umliegenden Häuser haben sich Hunderte Menschen versammelt. Frauen, Männer, Kinder und Babys auf den Schultern ihrer Väter. Ganz plötzlich verstummt das Gemurmel, das wie eine Wolke über dem Platz liegt. Aus der Via Dante Alighieri kommt das Geräusch von Hufen immer näher. Die Menschenmassen öffnen eine kleine Gasse, in der hoch zu Ross die Heiligen Drei Könige auftauchen und sich auf der Piazza in Position bringen. Es ist so leise geworden, dass man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören könnte.

Einer der Könige stimmt ein Lied an. Nach den ersten Takten beginnen alle Anwesenden, mitzusingen. Unabhängig vom Alter, unabhängig von der sozialen Stellung im Dorf. Es geht zwölf Strophen lang um die „Tre Re Magi“, um die Heiligen Drei Könige. Man hört mit offenem Mund zu, wird zutiefst berührt, hat das Gefühl, auf einer Zeitreise im Mittelalter angekommen zu sein. Spätestens in der Mitte des Liedes glaubt man, dass das ganze Tal mitsingt.

Wir sind in Premana, rund 700 Meter überdemComer See, am Ende des Valsassina in der Lombardei. Es ist eine Art „gallisches Dorf“ in den Alpen. Während anderswo alle Dörfer gegen Abwanderung und mit wirtschaftlichen Problemen kämpfen, haben die Premanesi keine Zukunftssorgen. Ein Geheimnis dahinter: Sie sind seit dem Mittelalter weltweit Spezialisten bei der Herstellung von Kleineisenwaren wie Nagelscheren oder Feilen. Zu ihren Kunden gehört der deutsche Konzern Solingen.

Produziert wird immer noch in kleinen Familienbetrieben in den bis zu fünfstöckigen Häusern, die sich an den Berghang schmiegen. Und diese ebenfalls seltene Architektur entspringt der Arbeitswelt.ImErdgeschoß befindet sich die Werkstätte, im ersten Stock lebt die aktuelle Betreiberfamilie und für jeden neugeborenen Sohn wird ein Stockwerk auf dasGebäude aufgesetzt. Selbst- und Nachbarschaftshilfe sind Teil der Tradition und des beispiellosen Erfolges.

Schon den Dogen in Venedig fielen die handwerklichen Qualitäten der Premanesi auf und so holten sie im 16. Jahrhundert die besten in die Lagunenstadt. Von den einstmals 120 Werkstätten existiert heute noch eine Handvoll. Sie haben sich auf die Herstellung von historischen Schlüsseln und die „Kämme“ der Gondeln spezialisiert. Ein anderes Geheimnis beschreibt Hubert von Goisern in seinen Steilklängen: „Dass zum Beispiel im norditalienischen Premana ein ganzes Dorf singt, also, da krieg ich Gänsehaut, wenn ich jetzt nur davon rede und diese Szenen vor mir habe.“ Nach dem ersten Auftritt auf der Piazza del Consiglio geht es weiter zu den anderen Plätzen

des Dorfes. Und immer wieder das gleiche Bild inbrünstig singender Menschen. Am Ende, es ist nicht mehr weit bis Mitternacht, treffen die Heiligen Drei Könige vor der Kirche ein. Vor einer dort errichteten „lebenden Krippe“ – selbst das dargestellte Jesuskind ist ein echtes Baby – erreicht das Singen seinen vorläufigen Höhepunkt. Anschließend trifft man sich noch im Restaurant „La Peppa“, um bis zum Morgengrauen weiterzusingen. Übrigens das einzige Haus im Dorf, an dem es eine Handvoll Fremdenzimmer gibt. Gesungen wird für die Einheimischen, nicht für die Touristen.

Renato Morelli, der italienische Musikethnologe, schrieb in seinemBuch „Voci alte – Tre giorni a Premana“ (Hohe Stimmen – Drei Tage in Premana): „Dieser Gesang ist einzigartig, stimmgewaltig und wird mit voller Inbrunst gesungen. Sie singen göttlich und berühren das Innerste der Menschen.“ Mit „drei Tage“ meint Morelli das Singen im Jahreslauf der Premanesi. Dabei geht es bei „Noi siamo i tre re“ um die Heiligen Drei Könige, beim „Past“, dem sommerlichen Almsingen, um das Leben in den Bergen und bei den restlichen Gesängenum so triviale Dinge wie beispielsweise die Elektrifizierung des Dorfes vor rund hundert Jahren oder einfach um die Autoreparatur des Nachbarn. Das Gefühl, das man danach mit nach Hause nimmt, bleibt unvergesslich.


Mehr von diesem Autor
Italien Zwischen den Welten

Eine Wanderung zu den Höhlenbären in der Grotte von San Giovanni d’Antro im friulanischen Natisone-Tal.